Startseite

Das Aaah und das Oooh

VON SUSANNE THON

FROSE/MZ. Auferstanden von den Toten. Erbsensuppe und ihre Wirkung. Eben noch dahingerafft von der Pest, quält ihn jetzt nach 400 Jahren - oder anderthalb Stunden, die er auf der Pritsche liegend durchs Dorf gekarrt wurde - mehr der Hunger denn irgendeine hochgradig ansteckende und todbringende Krankheit. Ein Mönch hat's Laufen satt und spielt Anhalter. Die Nonnen aus Pfarrer Taubes Gefolge halten mit der Digitalkamera im Bild fest, was es zu ihrer Zeit, zur Zeit der Reformation, noch nicht gab - Oldtimer und Traktoren. Ein Volkspolizist geht Streife und gibt dem liegen gebliebenen Barkas von der Feuerwehr Starthilfe. Anschieben. Inmitten der Menge. Wuhling vorm Schützenhaus. Volksfeststimmung in Frose: Das Seeland kommt aus dem Feiern nicht raus. Nachterstedt und Hoym - 1.050 Jahre alt - haben ihre runden "Geburtstage" bereits begangen (und ordentlich vorgelegt). Frose hat nun nachgezogen und die runde Sache zum halbrunden 1.075-jährigen Bestehen fulminant abgerundet. Höhepunkt auch hier: der große Festumzug. "Ich brauch ein stolzes ,Ah'. Und ein ,Oh'...", vermeldet Hughwald lautstark, nachdem sich der Tross im Jahr 936 auf den weniger königlichen Befehl "Festumzug marsch!" in Bewegung gesetzt hat. Die Spielmannszüge aus Schierstedt und Schadeleben sowie die Aschersleber Stadtpfeifer geben den Takt an; und die Zaungäste alles: stolze "Ahs" und "Ohs" für die Herrschaften, die der Rufer und Sprecher anzukündigen hat. Das sind keine Geringeren als der König und spätere Kaiser Otto I. und Gattin Edgitha. Die Quedlinburger Urkunde Otto I. vom 18. September 936 gilt als die erste urkundliche Erwähnung des Cyriakusstiftes sowie des Ortes Frose. Und weil der König die Nutzungsrechte des Stifts 950 dem Markgrafen Gero überträgt, lässt der sich auch mal wieder in Frose sehen, flankiert von den Stiftskanonikern und -damen. Was folgt, ist ein Ritt durch die Geschichte. Die Torfstecher erinnern an einen einst wichtigen Wirtschaftszweig, Thomas Müntzer und Pfarrer Taube an die Reformation. Angekommen im 17. Jahrhundert, wütet die Pest in Frose, später auch die Cholera. Der Dreißigjährige Krieg bricht aus. Weiter geht's mit Napoleon und dann der Industrialisierung. 28 Bilder zeugen von Krieg und Frieden, von Elend und Entwicklung. Und einem mehr als bunten Treiben - früher wie heute. Handwerker und Gewerbetreibende laufen auf, die Bäcker verteilen Brezeln. Männer, Frauen, Kinder zeigen, was das Dorfleben ausmacht: die Vereine - ob Schützen-, Karnevals-, Reit- und Fahr- oder Rassegeflügelverein - selbst das preisgekrönte Federvieh hat Ausgang. Die Organisatoren sprechen von mehr als 600 Teilnehmern, die sich durch den verwinkelten Ort fädeln. Was nicht zu Fuß unterwegs ist, fährt - in Gespannen, Traktoren, Mähdreschern und Oldtimern - durch die 1075-jährige Geschichte.