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Die Stiftskirche St. Cyriakus & ihre Geschichte

Liebe Gäste, wir wollen Sie interessieren für eine über 1.000-jährige Geschichte. Erleben Sie hier eine Zeitreise mit unverfälschter Romanik. Werden Sie Zeitzeuge eines unvergesslichen Erlebnisses und bestaunen Sie die Haltbarkeit fast vergessener Tage.

Es laden Sie unsere Kirchengemeinde mit seinem Vorsitzenden Rüdiger Kempe und der Ortschronist Kurt Engmann sowie des Freundes und Förderkreises, herzlichst ein.

Der Ort Frose in Anhalt am nordöstlichen Rand des Harzes nahe der Stadt Aschersleben gelegen, ist heute ein Ortsteil der Stadt Seeland im Salzlandkreis Sachsen-Amhalt. Hierbei handelt es sich um ein sehr altes Siedlungsgebiet, dass durch die gesellschaftlichen Prozesse über die Jahrhunderte an den Rand der Geschichte gedrängt wurde. Bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts erfolgte die Geschichts-Schreibung des Ortes diskontinuierlich. Mit der Erklärung zum Bergbauschutzgebiet der Gemarkung Frose 1980 änderte sich dieser Sachverhalt. Es fand sich eine kleine Gruppe an der Geschichte Interessierter zusammen, um eine Dorfchronik zu erarbeiten. Am Ende setzten sich eine Reihe von Einwohnern sowie die Verwaltung für die Erstellung dieser Broschüre ein. Rechtzeitig zum 1050-jährigen Jubiläum, der ersten urkundlichen Benennung des Ortes, konnte sie fertiggestellt werden. Kurz nach dem Abschluss der Festwoche im August 1986 wurde Frose in die Vorbereitung und die Durchführung des 500. Geburtstages Thomas Müntzer (1989) durch die Staatsführung der DDR einbezogen. Für die Organisatoren der unmittelbar zuvor abgeschlossenen Feierlichkeiten galt es, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen.

Mit professioneller Hilfe konnten zum Thema Thomas Müntzer mehrere Vorträge, eine Ausstellung und eine Festwoche durchgeführt werden. Der zentrale Arbeitskreis in Berlin hingegen organisierte hier vor Ort eine Konferenz zum Leben Thomas Müntzer. Mit der Einweihung einer Gedenktafel für den Reformator im August 1989 am Eingang der Stiftskirche endete das Müntzer-Jahr in Frose. In der Zeit der Wende wurden die Arbeiten zu den Themen der Froser Historie im kleineren Rahmen fortgeführt. Die Wiedervereinigung Deutschlands 3. Oktober 1990 eröffnete die Möglichkeit im Rahmen des Vereinswesens, die an der Geschichte Interessierten des Ortes neu zu organisieren. So gründete sich im September 1991 der Förderverein für Denkmalpflege & Heimatgeschichte Frose/Anhalt. Seither arbeiten über ein Dutzend Freunde der Heimatgeschichte an den unterschiedlichsten Themen. Ein Höhepunkt im Vereinsleben war die Festwoche im August 2011 zum 1075. jährigen Jubiläum des Ortes. In die Organisation sowie die Durchführung der Festlichkeiten waren alle hier ansässigen Vereine einbezogen. Bereits bei der Erarbeitung der Chronik des Jahres 1986 wurden erste Differenzen in den geschichtlichen Aufzeichnungen sichtbar, die mit den damals zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht aufgelöst werden konnten.

Die nachstehenden Fragestellungen sollen als Auswahl an dieser Stelle genügen.

  • Was begründet die Lage des Ortes?

  • Wessen Schutz sollten die Sperrfestungen Gatersleben und Aschersleben gewährleisten?

  • Woher kommt die Bezeichnung „Ober- und Unterdorf“?

  • Wie sind zwei Pfarreien auf einen so engen Raum begründbar?

  • Warum hatte Frose ein Siegel des heiligen Cyriakus und Gernrode nicht und in welche Zeit gehört dieses?

  • Wie kam ein Siegel des heiligen Antonius nach Frose, obwohl kein entsprechender Altar vor Ort nachweisbar ist?

Bei der Vielzahl der offenen Fragen war dann auch schnell klar, dass zwingend eine Betrachtung der Gesamtsituation erfolgen musste. Außerdem war ein Weiterkommen ohne die Mithilfe von Fachleuten unmöglich. Wesentlich vorangetrieben wurden die Arbeiten durch die umfassende Unterstützung des Geistlichen Rates Dr. Dr. Rudolf Joppen. Er erweiterte das Blickfeld über die örtlichen Geschehnisse hinaus und stellte diese in gesamt-geschichtliche Zusammenhänge. Damit ermöglichte er, die vorliegenden Informationen und Dokumente neu zu bewerten und deren Einordnung entsprechend zu überarbeiten. Als hilfreich erwiesen sich die Forschungen von August Franzen, die er in seinem Buch „Kleine Kirchengeschichte“ niederschrieb. Seine analytische Aufschlüsselung des Mittelalters in die Zeit der Patrozinien, Eigenkirchenwesen sowie der Inkorporation der Klöster ermöglichten Lösungsangebote für eine Reihe von Fragen. Erste Kunde einer menschlichen Siedlung in der heutigen Gemarkung Frose lieferten Funde, die bei Sanierungsarbeiten des Braunkohlentiefbaus zu Tage traten. Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden im sogenannten Bruchfeld in Richtung Hoym Bestattungen aus der Bronzezeit gefunden. Hierbei handelte es sich um Hausurnen, die in Steinkisten beigesetzt worden waren2. Weitere Einzelfunde an Urnen und Grablegungen aus späterer Zeit bestätigten die fortwährende Besiedlung dieses Gebietes. Es kann somit mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Karl der Große (768-814) bei der Unterwerfung der Sachsen und der anderen kleinen Völkerschaften auch deren Infrastruktur nutzte. Sie beruhten auf natürlichen Gegebenheiten, die vor allem durch Flussläufe gekennzeichnet waren. Zwischen Harz und Hakel formten die Eiszeiten der Vergangenheit eine Struktur, die für die damalige Zeit eine strategisch günstige Lage bot. So kann davon ausgegangen werden, dass ein Handelsweg von Halle nach Braunschweig, entlang des damaligen Sumpfgebietes zwischen Aschersleben und Gatersleben, führte.

Diese Gegebenheiten dienten nicht nur militärischen Aktivitäten, sondern ermöglichten auch darüber hinaus die Missionierung voranzutreiben. Geistliche aus Châlons sur Marne setzten erfolgreich die Christianisierung nicht nur auf der Ostseite des Harzes durch. In ihrem Missionsfeld errichteten sie mehrere Altäre, die sie ihrem Schutzheiligen, dem heiligen Stephanus, weihten. Sie befolgten dabei einen Grundsatz, den Papst Gregor der Große zur Missionierung der nördlichen Völker aufstellte: „Göttertempel braucht man nicht zu zerstören, nur die Götzenbilder darin. Man besprenge den Tempel mit Weihwasser, dann errichtete man in ihnen christliche Altäre und lege Gebeine von Heiligen in diese. Sieht nämlich das Volk, dass man seine heiligen Stätten nicht vernichtet, dann wird es umso leichter den Irrtum aus seinem Herzen verbannen und zur Anbetung des wahren Gottes an den gewohnten Ort kommen. Das Fest der Heiligen mögen die Leute ruhig auch mit äußeren Festlichkeiten und einem Festmahl feiern. Man kann ja harten Herzens nicht alles auf einmal abschneiden, und wer auf den Gipfel eines hohen Berges steigen will, kommt langsam, Schritt für Schritt, nicht in Sprüngen hinauf.“ „Es sind keine heidnischen Heiligtümer zu vernichten. - Sie sind in Christliche umzuwandeln.“ An jene Geschehnisse erinnert noch heute ein Stein in der Nordwand des Turmes der Froser Stiftskirche. Ein Schriftstück aus dem Vatikan, wahrscheinlich die teilweise Abschrift einer Urkunde, zeigt auf, dass Ludwig der Deutsche (840-876) den Ort Frose für den „rechten Platz“ der Ansiedlung von Cyriakus-Kanonikern hielt. Er ließ hier wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 9.Jahrhunderts ein Stift, als Eigenkirche, in seiner gesamten Komplexität errichten. Strategisch bot diese Anlage günstige Bedingungen. Ein ca. 2500ha großes Sumpfgebiet sicherte die Nordflanke. Im Osten und Westen gewährleisteten die Sperrfestungen Aschersleben und Gatersleben den entsprechenden Schutz. Gleichzeitig konnten sie aus dieser Position die Handelsstraße Halle – Braunschweig überwachen. Offen bleibt derzeit die Frage, ob ein Königshof auf diesem Grundstück bereits als fränkische Siedlung vor der Stiftsgründung existente. Als sicher erscheint hingegen, dass mit der Errichtung des Stiftes der germanische Teil des Ortes in ca. 200m Entfernung eine eigene Kirche erhielt. Dieser Altar wurde dem heiligen Sebastian geweiht. Die Betreuung der Gemeinde erfolgte mit großer Wahrscheinlichkeit durch Geistliche des Stiftes, denn dieser Altar wurde mehrfach in deren Dokumenten benannt. Dies bezeugt eine Zweiteilung des Ortes, die bis heute auf den Lageplänen der Gemarkung Frose nachvollzogen werden kann. Unter dem Blickwinkel einer hierarchischen Zuordnung erscheint auch der Begriff von Ober- und Unterdorf verständlich.

Sollten sich die aufgezeigten Darstellungen sich durch entsprechende Forschungen bestätigen, so läge eine bis daher unbekannte geschichtliche Situation vor. Danach würde Frose zu den ältesten Reichsklöstern des Ostfrankenreiches in der Zeit König Ludwig II., des Deutschen gehören. Einen Hinweis bezüglich der Einordnung des Stift Frose in die vorottonische Epoche liefert auch das nebenstehende Siegel mit dem Abbild des heiligen Cyriakus. Otto von Heinemann ordnet dieses jedoch in den Band II des CDA von 1212 – 1300 ein. Diese Datierung erscheint sehr zweifelhaft, denn das Froser Stift war Anfang des 13. Jahrhundert bereits über 250 Jahre dem Stift Gernrode untergeordnet. Sinnvoll erscheint nur die Zeit vor 963, als in Gernrode noch kein Cyriakus-Altar existierte. Die erste bekannte urkundliche Erwähnung des Ortes Frose fiel in die Regierungszeit Otto I. (936-973) In der Urkunde vom 18. Sep. 936 verfügte Otto I. eine Schenkung an das Servatius Stift in Quedlinburg. Diese erfolgte zu Lasten Froser und anderer Besitzungen. Es hat den Anschein, als wurde ursprünglich fränkisches Eigentum neu verteilt. Damit verbunden war eine gesellschaftliche Abstufung des Stiftes Frose. Diese wurde 950 mit der Übereignung an Markgraf Gero8 nochmals verstärkt. Mit der Gründung des Stiftes Gernrode 959-961 und der Unterordnung des Froser Stiftes verlor dieses auch noch seine Selbständigkeit. Unabhängig von diesem Sachverhalt konnten Aufenthalte der Könige bzw. Kaiser beginnend mit Otto I. bis Heinrich II. in Frose festgestellt werden. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Urkunden und Schriftstücke, die mit „actum Frose“ gezeichnet wurden. Die Schussfolgerung aus dieser Sachlage – Frose besaß außer dem Stift auch einen Königshof! Dessen Ursprung verbleibt derzeit aber im Dunkel der Geschichte. Eine Klärung dieses Sachverhaltes kann wahrscheinlich nur eine künftige archäologische Forschung leisten. Die in der Vergangenheit getätigten umfangreichen Recherchen, führten auch zu unerwarteten Ergebnissen. So eine Zuarbeit des Museums der Stadt Gotha aus dem Jahre 1987. Diese beinhaltete die Beschreibung eines Froser Wappens mit der Darstellung des heiligen Antonius und dessen Interpretation.

Danach sollte im Ort eine Pfarrkirche, die dem heiligen Antonius geweiht war, bestanden haben und das nebenstehende Siegel einen alten Stempel entnommen nachgeahmt worden sein. Die Suche nach einer entsprechenden Kirche oder eines Altars blieben ergebnislos. Eine derartige Mission oder Stiftung konnte hier vor Ort nicht nachgewiesen werden. Wohl aber berichten Ascherslebener Quellen über die Gründung eines Franziskanerklosters im 13. Jahrhundert in ihrer Stadt, dessen Patronat der Heilige Antonius war. Zu einer Zeit in der sich die Inkorporation der Klöster durchgesetzt hatte, ist es durchaus denkbar, dass Mönche aus Aschersleben die Pfarrrechte in den Gemeinden und die anderen geistlichen Aufgaben im Froser Stift wahrnahmen. Ein schwerwiegender Einschnitt für das Stift und den Ort Frose kennzeichnet das Jahr 1446. In jenem Jahr ließ der Halberstädter Bischof Burchhard von Warberg (1437-1458) den Bruch zwischen Aschersleben und Gatersleben mit den Wassern der Selke fluten.10 Damit wurde aus dem Sumpfgebiet, in dem mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Torf gestochen wurde, ein See. Teile der Ländereien des Froser Stiftes waren damit ihrer Nutzung entzogen. Die Dokumente sagen aus, dass erst 30 Jahre später die anhaltische Äbtissin Scholastica von Gernrode und Frose (1469-1504) gegen die Verursacher der Landüberflutung vorging. Es ist aber zu vermuten, dass die Dokumente unvollständig sind. Es erscheint doch als sehr fragwürdig, dass in einem so langen Zeitraum der Überflutung die Besitzer der stiftseigenen Ländereien tatenlos zugesehen haben. Aber erst 1510 fand aufgrund eines päpstlichen Schreibens ein Prozess statt. Dieser endete mit einem Vergleich12. Es hat aber den Anschein, dass dieser Kompromiss keine Lösung für das Stift Frose war, denn 1511 verließen die letzten zwei Stiftsdamen diesen Ort und lebten fortan im Stift Gernrode. Elisabeth von Weida (1504-1532), eine reformatorisch eingestellte Äbtissin, stellte Thomas Müntzer 1515 das ungenutzte Stift Frose für den Aufbau eines Knabenkonviktes zur Verfügung. Er selbst wurde als Propst eingesetzt und war somit Geistlicher des Cyriakusaltars. Die Finanzierung dieser Unternehmung wurde im Wesentlichen durch die Braunschweiger Hanse gesichert. Dies geht aus Schriftstücken jener Zeit hervor. Mit der Einführung des ersten protestantischen Pfarrers 1544, der Zusammenführung der beiden Patrozinien des Ortes zur Gemeinde des hl. Stephan und des hl. Sebastian, sowie der Nutzung der Stiftskirche als Dorfkirche war hier die Reformation abgeschlossen. An das Mittelalter und die damit verbundene Bedeutung des Ortes Frose erinnert nur noch die Stiftskirche. Sie erscheint heute gut sichtbar die in einiger Entfernung von dem neuen Handelsweg der B6n zwischen Aschersleben und Hoym.